Rund 50 Gläubige versammelten sich heute Morgen um 8 Uhr zur heiligen Messe im klassischen römischen Ritus in der Krypta der Berliner Hedwigskathedrale. Auffallend: Etwa 80 Prozent der Teilnehmer waren junge Männer, die mit großer Hingabe mitfeierten und die lateinischen Texte kraftvoll auswendig mitsangen.
Die Messe gehörte zur 13. Bernhard-Lichtenberg-Wallfahrt. Zelebrant war Pfarrer Thorsten Daum, der anschließend jedem Gläubigen einzeln den Segen mit einer Reliquie des Seligen spendete.
In seiner beeindruckenden Predigt erinnerte Daum an seine persönliche Verbundenheit mit der Kathedrale: Hier hatte er noch zu DDR-Zeiten die Taufe und die erste heilige Kommunion empfangen. Ihre besondere Heiligkeit verdanke die Kirche aber dem Grab des seligen Bernhard Lichtenberg.
Der Berliner Dompropst betete unter der nationalsozialistischen Herrschaft öffentlich für verfolgte Juden und trat gegen die Ermordung kranker und behinderter Menschen ein. Nach seiner Haft starb er am 5. November 1943 in Hof während des Transports in das Konzentrationslager Dachau. Johannes Paul II. sprach ihn 1996 in Berlin selig.
Auch für Gläubige, die mit der umgestalteten Kathedrale fremdeln, fand Daum tröstende Worte. Die Krypta wirke wie ein Kerker – und passe insofern zum Martyrium Lichtenbergs. Zum gesamten Umbau bemerkte er sinngemäß: Die Kathedrale habe bereits so viele Umgestaltungen erlebt, dass die heutige sicher nicht die letzte sein werde.
Dass die „Alte Messe“ ausgerechnet in Berlin wieder junge Menschen anzieht, besitzt eine besondere Strahlkraft. In einer Stadt, die wie kaum eine andere europäische Metropole für religiöse Entwurzelung und nihilistische Beliebigkeit steht, suchen sie Stille, das Heilige und eine Wahrheit, die über den Menschen hinausweist. In der Krypta der Hedwigskathedrale wurde an diesem Morgen erfahrbar, dass eine oft totgesagte Tradition die Kraft besitzt, einer geistig erschöpften Gegenwart Hoffnung zu schenken.




