Mehr als 1.600 neue Katholiken, 33 Seminaristen und volle Kirchen: Im amerikanischen Erzbistum Portland zeigt sich unter Erzbischof Alexander K. Sample eine Entwicklung, die auch für die Kirche in Europa von Interesse sein dürfte. Der Erzbischof setzt dabei nicht auf Anpassung an den Zeitgeist, sondern auf katholische Identität, eine würdige Liturgie und eine entschiedene Evangelisierung.
Während in weiten Teilen Europas Kirchenaustritte, Priestermangel und die Schließung kirchlicher Einrichtungen den Alltag bestimmen, kommen aus dem amerikanischen Bundesstaat Oregon andere Nachrichten. Im Erzbistum Portland, das seit 2013 von Erzbischof Alexander King Sample geleitet wird, wächst die Zahl der Menschen, die sich bewusst für den katholischen Glauben entscheiden. Allein 2026 wurden mehr als 1.600 Menschen in die katholische Kirche aufgenommen. Im Jahr zuvor waren es rund 1.200 gewesen, 2024 noch 960. Innerhalb von zwei Jahren ist die Zahl damit um mindestens zwei Drittel gestiegen.
Hinzu kommen 33 Männer in der Priesterausbildung. Für eine Diözese in Oregon, einem der am stärksten säkularisierten Bundesstaaten der USA, sind das erfreuliche Zahlen. Interessanter als die Statistik ist allerdings die pastorale Ausrichtung des Erzbischofs, der seit Jahren auf eine Erneuerung des katholischen Glaubenslebens hinarbeitet. Die traditionelle Liturgie, die Treue zur kirchlichen Lehre und die Wiederentdeckung der missionarischen Sendung der Kirche spielen dabei eine zentrale Rolle.
Ein Erzbischof mit Sinn für die Tradition
Alexander Sample, 1960 geboren, wurde 2005 von Benedikt XVI. zum Bischof von Marquette ernannt und 2013 zum Erzbischof von Portland berufen. Er gehört zu jenen amerikanischen Bischöfen, die sich durch ihre Wertschätzung der liturgischen Überlieferung und ihre klare Orientierung am Lehramt der Kirche auszeichnen.
Sample hat wiederholt die heilige Messe im überlieferten römischen Ritus zelebriert und sich für den gregorianischen Choral, die traditionelle Kirchenmusik und eine ehrfürchtige Feier der Eucharistie eingesetzt. Seine liturgischen Überzeugungen beschränken sich dabei keineswegs auf den klassischen Ritus. Vielmehr geht es ihm um eine grundsätzliche Erneuerung des liturgischen Bewusstseins, die auch die Feier der erneuerten Liturgie einschließt.
In seinem Hirtenbrief über die Kirchenmusik, Sing to the Lord a New Song, unterstreicht er die Bedeutung der sakralen Musik für die Gottesverehrung. Der gregorianische Choral ist für ihn kein nostalgisches Überbleibsel, sondern lebendiger Bestandteil der liturgischen Tradition. Dahinter steht ein Kirchenverständnis, in dem die Liturgie nicht in erster Linie als Instrument pastoraler Gestaltung erscheint, sondern als Ort der Begegnung mit dem lebendigen Gott.
Die Erneuerung beginnt beim Priester
Am 1. Oktober 2026 veröffentlichte Sample einen Hirtenbrief mit dem Titel Go Therefore and Make Disciples of All Nations („Geht und macht alle Völker zu Jüngern“). Darin entwirft er ein Programm für die missionarische Erneuerung seines Erzbistums, das nicht mit Strukturreformen oder neuen Gremien beginnt, sondern mit dem geistlichen Leben der Priester.
Sample fordert seine Geistlichen auf, das persönliche Gebet, die tägliche Feier der heiligen Messe, die eucharistische Anbetung, den regelmäßigen Empfang des Bußsakraments und die geistliche Begleitung wieder stärker in den Mittelpunkt ihres Lebens zu stellen. Auch die gewissenhafte Beachtung der liturgischen Rubriken gehört ausdrücklich zu seinen Anliegen.
Diese Akzentsetzung erinnert an Benedikt XVI., der immer wieder betonte, dass kirchliche Erneuerung zunächst eine Frage der persönlichen Heiligkeit und der Vertiefung des Glaubens sei. Nicht organisatorische Veränderungen sollen die Kirche erneuern, sondern das geistliche Leben ihrer Glieder, beginnend bei den Priestern. Dazu gehören für Sample auch eine stärkere priesterliche Gemeinschaft und gegenseitige Unterstützung angesichts zunehmender Überlastung und Vereinsamung vieler Geistlicher.
Katholische Schulen müssen wieder katholisch sein
Ein weiterer Schwerpunkt betrifft das katholische Bildungswesen. Sample stellt die Frage, warum die Kirche überhaupt eigene Schulen unterhält. Seine Antwort ist eindeutig: Katholische Schulen sollen nicht lediglich eine hochwertige Allgemeinbildung anbieten, sondern junge Menschen mit Jesus Christus vertraut machen, sie in den Glauben der Kirche einführen und ihnen helfen, ihr Leben aus diesem Glauben heraus zu gestalten.
Damit wendet sich der Erzbischof gegen eine Entwicklung, bei der sich katholische Bildungseinrichtungen inhaltlich immer stärker ihren säkularen Pendants angleichen und ihre konfessionelle Identität nur noch in einzelnen religiösen Angeboten sichtbar wird.
Sample hat deshalb die Leitung des katholischen Schulwesens neu organisiert. Mit Elias Moo wurde ein Verantwortlicher berufen, der die Schulen ausdrücklich als Einrichtungen der Evangelisierung versteht. Zugleich wurde die Verbindung zwischen Schule und Pfarrei gestärkt und die Verantwortung der Pfarrer für die ihnen zugeordneten Schulen deutlicher hervorgehoben. Finanzielle Hilfen sollen auch Familien mit geringerem Einkommen den Zugang zu katholischer Bildung ermöglichen.
Ein öffentlich sichtbarer Glaube
Dass sich die Erneuerung nicht auf innerkirchliche Programme beschränkt, zeigte sich bei der Fronleichnamsprozession 2026, an der nach Angaben des Erzbistums rund 5.000 Gläubige teilnahmen. Am Fronleichnamsfest weihte Sample sein Erzbistum zudem dem Heiligsten Herzen Jesu. Diesen Akt bezeichnete er später als bewussten Beginn einer neuen Phase missionarischer Erneuerung.
Auch das öffentliche Eintreten für den Schutz des ungeborenen Lebens und die unveränderte katholische Morallehre gehören zum Profil des Erzbischofs. Für ihn ist die glaubwürdige Verkündigung des Evangeliums untrennbar mit der Treue zur Lehre der Kirche verbunden.
Gleichzeitig fordert sein Hirtenbrief eine stärkere Öffnung nach außen. Die Gläubigen sollen ihren Glauben im Alltag bezeugen, Menschen zur heiligen Messe einladen und auch außerhalb kirchlicher Einrichtungen das Gespräch über Christus suchen. Die Festigung der katholischen Identität dient damit gerade nicht der Abschottung, sondern der Evangelisierung.
Benedikt XVI. und die Kirche der Zukunft
In seinem neuen Hirtenbrief greift Sample auf eine bekannte Prognose Joseph Ratzingers aus dem Jahr 1969 zurück. Der spätere Papst Benedikt XVI. hatte damals vorausgesagt, dass die Kirche durch eine tiefgreifende Krise vieles von ihrer gesellschaftlichen Stellung verlieren werde. Aus dieser Prüfung werde jedoch eine geistlich vertiefte und einfachere Kirche hervorgehen, die den Menschen einer zunehmend gottfernen Welt neue Hoffnung vermitteln könne.
Sample sieht in der Entwicklung seines Erzbistums erste Anzeichen dafür, dass diese Perspektive Wirklichkeit werden könnte. Gerade in einer weitgehend säkularisierten Gesellschaft kann eine Kirche, die ihre Identität bewahrt, für Menschen anziehend werden, die nach verbindlichen Antworten auf die Fragen ihres Lebens suchen. Wer sich bewusst für den katholischen Glauben entscheidet, erwartet von der Kirche offenbar mehr als die Wiederholung jener Überzeugungen, denen er ohnehin überall begegnet.
Freilich wäre es vorschnell, die steigenden Konversionszahlen ausschließlich auf Samples pastorale Ausrichtung zurückzuführen. Auch in anderen Teilen der Vereinigten Staaten wächst das Interesse am katholischen Glauben, insbesondere unter jüngeren Menschen. Ob daraus eine dauerhafte Wiederbelebung des kirchlichen Lebens entsteht, wird sich erst zeigen.
Eine Ermutigung für die Kirche in Europa
Im Februar 2026 konnte Sample Papst Leo XIV. bei einer persönlichen Begegnung im Vatikan von den Entwicklungen in seinem Erzbistum berichten. Dabei ging es unter anderem um die steigende Zahl der Konvertiten und der Priesteramtskandidaten. Der Papst versicherte dem Erzbischof seine Gebete für die kirchliche Erneuerung in Oregon.
Für traditionsverbundene Katholiken besitzt die Entwicklung von Portland eine besondere Bedeutung. Sie zeigt, dass die Pflege der liturgischen Tradition und missionarische Offenheit keine Gegensätze sein müssen. Dabei wäre es verfehlt, den Aufschwung ausschließlich der überlieferten Liturgie zuzuschreiben. Samples Programm richtet sich an das gesamte Erzbistum und umfasst selbstverständlich auch die Gemeinden, in denen die heilige Messe nach dem erneuerten Ritus gefeiert wird.
Die eigentliche Lehre aus Oregon liegt vielmehr darin, dass katholische Glaubenstreue und Evangelisierung zusammengehören. Während andernorts über immer neue Strukturreformen, Anpassungen an gesellschaftliche Erwartungen und die Zukunft kirchlicher Institutionen diskutiert wird, setzt Sample bei den Grundlagen an: bei der heiligen Messe, beim Priestertum, bei der Glaubensweitergabe und beim persönlichen Zeugnis.
Vielleicht braucht die Kirche tatsächlich weniger Reformdebatten und mehr Bischöfe, die den Mut haben, wieder entschieden katholisch zu sein.




